Männlichkeit und Gewalt im Kontext von Flucht und Migration

Bei der Analyse und Bekämpfung der Gewalthandlungen gegen Frauen durch zugewanderte Männer muss die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Zusammenhang mit der Zuwanderung betrachtet werden.

Was bedeutet Flucht bzw. Migration für Männer?

Mit ihrer Ankunft in Deutschland erleben zugewanderte Männer oft eine doppelte Herabstufung ihres sozialen Status ...

  • ... durch ihre soziale Position als Flüchtling oder Migrant (mit z. T. erheblichen Einschränkungen z. B. in Bezug auf die Wahl der Wohnung, die Bewegungsfreiheit, die Berechtigung zu arbeiten, soziale Diskriminierung)
  • ... durch die in der Regel geringeren Machtunterschiede zwischen den Geschlechtern in Deutschland im Vergleich zum Herkunftsland (rechtliche Gleichstellung in Deutschland und strukturell größere Chancen der Frauen auf soziale und finanzielle Unabhängigkeit von den Männern)

Das kann zu Frustration, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit führen.

 Viele zugewanderte Männer finden sich in einer Situation der „Dequalifizierung“ und „Depotentierung“ (Entmächtigung) wieder (Uslucan 2008: S. 79). Bei manchen Männern kann dies die Gewaltbereitschaft erhöhen. Die Ausübung von Gewalt ermöglicht zumindest kurzfristig ein Gefühl von Macht und Kontrolle.

Für Männer, die das Männlichkeitsbild haben, dass sie Frauen überlegen sind, für diese zu sorgen und zu bestimmen haben, kann diese Situation zusätzlich Druck aufbauen. Gewalt gegenüber der Frau kann hier ein Mittel sein, um die scheinbare „natürliche“ Ordnung aufrechtzuerhalten und um den eigenen Anforderungen dieses Rollenbilds als „starker“ Mann zumindest innerhalb der Partnerschaft oder Familie gerecht zu werden.

Gratwanderung bei der Gewaltprävention mit geflüchteten Männern

Es muss davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der geflüchteten Männer unterschiedliche Formen von Gewalt erlitten hat, vor, während und auch nach der Flucht. Darunter auch z. T. auch schwere sexuelle Gewalt (Stemple 2007).

Die prekäre Situation nach der Ankunft in Deutschland und die eigenen Gewalterfahrungen, Demütigungen und Verletzungen der Männer müssen bei der Präventionsarbeit zu geschlechtsspezifischer Gewalt Raum und Anerkennung finden. Ggfs. sollte an stabilisierende oder therapeutische Angebote verwiesen werden. Gleichzeitig darf keine „Opfer-Trance“, also ein Verharren in dieser Opferrolle passieren.

Es kann sehr wertvoll sein, wenn diese leidvollen Erfahrungen genutzt werden können für eine Sensibilisierung und Selbstverpflichtung der Männer gegen Gewalt. Ihre „Macht“ und Selbstwirksamkeit besteht dann nicht in der Ausübung von Gewalt, sondern in der bewussten Entscheidung gegen Gewalt, ggfs. auch entgegen bestimmte Traditionen der Familie oder Gemeinschaft. Die Aufklärung und kritische Reflexion frauenabwertender und gewaltfördernder Männlichkeitsbilder ist dafür eine unabdingbare Grundlage.

Ein gender-kritischer Ansatz ist also auch bei der Arbeit mit geflüchteten (und zugewanderten) Männern vielversprechend.