Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage der „Kultur“?

Gewalt gegen Frauen

Üben Männer mit Migrationserfahrung Gewalt gegen Frauen aus, dann ist eine häufige Erklärung dafür, dass diese aus einer „Kultur“ mit patriarchalen Traditionen kommen. Es wird angenommen, dass in vielen Herkunftsländern Gewalthandlungen gegen Frauen für Männer Normalität seien – anders als bei uns. Und dass das Problem der Gewalt gegen Frauen durch die zugewanderten Männer nach Deutschland „importiert“ wurde.

Es wird im Umkehrschluss davon ausgegangen, dass es in Familien und Partnerschaften ohne Migrationsgeschichte keine häusliche Gewalt gibt. Dass das bei Weitem nicht so ist, zeigen zahlreiche Studien und Berichte von Beratungs- oder Schutzeinrichtungen sowie von Betroffenen.

Zugewanderte Frauen werden dadurch als „Opfer“ (Shachar 2007: S. 46) wahrgenommen, die geschützt und gerettet werden müssen. Auch das entspricht nicht der Realität vieler zugewanderter Frauen.

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Wird Gewalt, die von Angehörigen einer Minderheit ausgeübt wird, ausschließlich durch die „Kultur“ erklärt, spricht man von einer „Kulturalisierung von Gewalt“ (Sauer 2011: S. 46). 

Wie wird hier der Begriff „Kultur“ verwendet?

Der „Kulturalisierung von Gewalt“ liegt die Vorstellung zugrunde, dass Menschen einer feststehenden „Kulturgemeinschaft“ angehören. Kultur wird hier reduziert auf die Herkunftskultur, die an Verwurzelung, Heimat, gemeinsamer Geschichte, Tradition und Sprache festgemacht wird. Sie wird als ein entscheidender, feststehender Teil der Identität betrachtet (Tiefenbacher 2021: S. 260).

Daraus folgt die Idee, dass es zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, insbesondere zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ grundlegende Unterschiede gibt (Singer 2012: S. 188).

Diese abstammungsbezogene Vorstellung von „Kultur“ vernachlässigt die Unterschiedlichkeit der Menschen gleicher Herkunft. Und auch die Gegebenheiten in der mobilen und globalisierten Welt, wo Herkunft gar nicht immer klar zuordenbar ist.

Neuere Verständnisse von Kultur betrachten diese als ein intersubjektives, vielschichtiges Symbolsystem, das Lebenswirklichkeiten und Abläufe in Gemeinschaften strukturiert. Kultur wird als Prozess verstanden, der Traditionen aufrechterhält, aber auch gemeinsame Bedeutungsräume, z. B. Orte, Sprachen, Weltbilder oder Erlebnisse, schafft (Salman 2015; Benoit/El-Menouar/Helbling 2018).

Die abstammungsbezogene Vorstellung bildet jedoch die Grundlage dafür, bestimmte Menschen unter Bezugnahme auf ihre Abstammung bzw. Herkunft auszugrenzen. Interessanterweise werden „kulturelle“ Unterschiede insbesondere bei unerwünschten Zuwanderergruppen problematisiert. Kaum jedoch bei wohlhabenden oder hochqualifizierten Migrant:innen, die einen wirtschaftlichen Nutzen bringen könnten.

Was bedeutet „Othering“?

Der abstammungsbezogene Kulturbegriff ermöglicht eine Unterscheidung zwischen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und Angehörigen von Minderheiten, zwischen Menschen ohne und mit Migrationserfahrung.

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Dadurch, dass Menschen mit Migrationserfahrung bzw. deren Herkunftsländer zu „Anderen“ gemacht werden, wird auch die Gewalt gegen Frauen zu einem „Problem der Anderen“ gemacht (= „Othering“).

Oft wird in der öffentlichen Meinung eine demokratische und progressive Mehrheitsgesellschaft den aus einem scheinbar unzivilisierten Herkunftsland zugewanderten Menschen gegenübergestellt. (Damit setzt sich die seit dem Kolonialismus bestehende Sicht Europas auf den Rest der Welt fort.)

Die Auslagerung des Problems Gewalt gegen Frauen auf „die traditionelle (muslimische) Kultur“ bringt den westlichen Gesellschaften Entlastung und eine Bestätigung ihrer scheinbaren zivilisatorischen Überlegenheit.

  • Dieser erzeugte Gegensatz führt zu weiteren Stigmatisierungen von zugewanderten Menschen, von Frauen als Opfer und Männern als Täter.
  • Migrationsbedingte Belastungen als Ursachen von Gewalt werden nicht wahrgenommen und verringert.
  • Gemeinsamkeiten zwischen aufnehmender und Herkunftsgesellschaft (strukturelle Ursachen) werden durch die Fokussierung auf die Unterschiede ausgeblendet.
  • Eine kritische Auseinandersetzung mit der Machtungleichheit der Geschlechter in der Mehrheitsgesellschaft wird versäumt.
  • Es besteht die Gefahr, dass Gewalt als „kulturelle“ Praxis normalisiert oder gerechtfertigt wird (z. B. Tötung der Frau als „Ehrenmord“).
  • Einen großen Einfluss auf die persönliche Wahrnehmung und Beurteilung hat die mediale Berichterstattung. Oft wird, je nach „kulturellem“ Hintergrund des Täters, anders berichtet und eingeordnet.